Von Impfstoffen bis zu einer umfassenden Therapie: Warum die internationale Zusammenarbeit für die COVID-19-Eindämmung so wichtig ist

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Als der schottische Mediziner Alexander Fleming vor nahezu einem Jahrhundert das Penicillin erfand, wusste er, dass er einer guten Sache auf der Spur war. Flemings Entdeckung geht auf das Jahr 1928 zurück. Doch trotz einiger vielversprechender Tests in der Anfangsphase verstrich mehr als ein Jahrzehnt, bis zwei andere Wissenschaftler, der Bakteriologe Ernst Boris Chain und der Arzt Howard Walter Florey, Penicillin zu einem Antibiotikum weiterentwickelten und es in hinreichender Menge für einen Massenvertrieb herstellten. Seit den 1940er Jahren wird Penicillin überall auf der Welt zur Behandlung gefährlicher bakterieller Infektionen eingesetzt, wie u. a. Lungenentzündungen. Für ihre bahnbrechende Erfindung wurden alle drei Wissenschaftler 1945 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet.

Heute, da die ganze Welt auf der Jagd nach einem Impfstoff ist, um die neuartige schwere Infektionskrankheit zu stoppen, lautet eine zentrale Frage: Wie rasch kann ein Impfstoff entwickelt und vertrieben werden?

Seit Ausbruch der Virusinfektion im Dezember 2019 haben sich mehr als 25 Millionen Menschen infiziert. Bei Redaktionsschluss hatte sie über 850 000 Todesopfer gefordert. Sofern es uns nicht gelingt, rasch ein Heilmittel zu finden, scheint es unausweichlich, dass es zu noch mehr Infektions- und Todesfällen sowie zu massiven Beeinträchtigungen unserer Wirtschaftssysteme und Gesellschaften kommt.

Aber wie rasch ein wirklich sicherer und wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen wird, ist noch immer ungewiss. Und wird jeder schnell und kostengünstig geimpft werden können, sobald der Impfstoff entwickelt wurde?

Es gibt aber auch eine gute Nachricht. Die Fortschritte bei der Suche nach einem Impfstoff geben Anlass zu Optimismus. Derzeit befinden sich fast 200 Impfstoffkandidaten in der Entwicklung. Einige Unternehmen, Forschungsinstitute und staatliche Stellen behaupten bereits, der Impfstoff sei zum Greifen nah. Aber wie rasch ein wirklich sicherer und wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen wird, ist noch immer ungewiss. Und wird jeder schnell und kostengünstig geimpft werden können, sobald der Impfstoff entwickelt wurde?

Das ist eine wichtige Frage für die Politik, und die Antwort hängt von einigen entscheidenden Faktoren ab.

Check out the OECD Policy Response on our COVID-19 Hub: Treatments and a vaccine for COVID-19: The need for coordinating policies on R&D, manufacturing and access

Der erste Faktor ist dabei das Tempo der Forschung: Selbst wenn im kommenden Jahr ein wirksamer Impfstoff entwickelt oder ein Heilmittel entdeckt würde, wäre das bemerkenswert schnell. Die Testung eines neuen Medikaments an genügend Personen, um seine Sicherheit unter Beweis zu stellen, erfordert ebenfalls Zeit.

Der zweite Faktor ist die Tatsache, dass nach der Zulassung eines neuen Impfstoffs eine andere Schlacht beginnt, die all jene, die an der Entwicklung des Penicillins beteiligt waren, nur allzu gut kannten. Der Impfstoff müsste nämlich sehr rasch in sehr großen Mengen hergestellt werden. Hierfür muss die entsprechende Technologie entwickelt oder angepasst werden, was wiederum Zeit in Anspruch nehmen wird.

Auch Zubehör zur Verabreichung des Impfstoffs, wie Injektionsspritzen oder Nasensprays, müsste in sehr großen Mengen zur Verfügung stehen, was angesichts der Versorgungsengpässe, wie wir sie gerade in der ersten Corona-Welle bei den Gesichtsmasken erlebt haben, eine große Aufgabe sein wird. Hinzukommen die Herausforderungen hinsichtlich Logistik, Schulungen und anderer praktischer Aspekte im Zusammenhang mit der Organisation und Durchführung großangelegter Impfkampagnen.

Der dritte Faktor ist die weltumspannende Dimension der Corona-Erkrankung, die eine globale Strategie, gestützt auf internationale Zusammenarbeit, erfordert. Diese ist entscheidend, um die Pandemie zu bekämpfen und unseren Volkswirtschaften wieder auf die Beine zu helfen. In der Wissenschaft ist Zusammenarbeit Alltag, zwischen Unternehmen kann der Konkurrenzkampf jedoch erbittert geführt werden. Dass einzelne Länder ganz oben auf der Liste stehen möchten, um sich einen Bestand an Impfstoffen für ihre Bevölkerung zu sichern, ist angesichts der verheerenden Folgen von COVID-19 für so viele Menschen und Orte vielleicht unvermeidlich. Und es ist verständlich, dass Länder mit Pharma-Riesen „Impfstoff-Nationalismus“ betreiben, und Staaten mit Impfstoffentwicklern und -herstellern Deals abschließen.

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Zugangs- bzw. Versorgungssicherung und Marktabschottung sind allerdings zwei verschiedene Dinge. Angesichts der internationalen Ausrichtung der Gesundheitsindustrie könnte sich die letztgenannte Strategie eben gegen jene Menschen richten, denen solche Maßnahmen eigentlich helfen sollen. Letzten Endes kann niemand vorhersagen, wo es zu einer bahnbrechenden Erfindung kommen wird und/oder ob diese einem Großunternehmen oder einem Startup-Unternehmen im eigenen oder in einem anderen Land gelingt.

Internationale Zusammenarbeit und Offenheit zwischen Politikverantwortlichen sind daher von entscheidender Bedeutung, um die Risiken zu streuen und die Erfolgschancen zu optimieren.

Zusammenarbeit spielt ebenfalls eine Rolle, wenn es darum geht, Klarheit über die Kosten und ihre Finanzierung zu bekommen. Damit wird Herstellern standortunabhängig ermöglicht, ihre Produktionskapazitäten zu erweitern und die Bevölkerung nach der Zulassung eines Impfstoffs oder Medikaments so rasch wie möglich mit Behandlungsdosen zu versorgen. Eine klare gemeinsame Verpflichtung der Staaten zur Finanzierung der ersten fünf wirksamen Impfstoffe beispielsweise wäre sinnvoll, um den Herstellern eine gewisse Marktsicherheit zu geben und das Risiko für die Abnehmer zu verringern, falls sich die ersten Impfstoffe als ineffizient erweisen. Zusammenarbeit ist auch erforderlich, um sicherzustellen, dass die Impfstoffdosen dorthin gehen, wo sie die Pandemie am wirksamsten stoppen werden.

Um eine globale Lösung anzubieten, könnten Länder internationale Vorabkaufverpflichtungen (advanced market commitment – AMC) für Impfstoffe einsetzen, die darauf abzielen, den Markt für Impfstoffe durch rechtliche Verpflichtungen zum Kauf von Impfstoffen zu vorab festgelegten Bedingungen attraktiver zu machen. Ein dreigliedriges Zugangskonzept könnte sich als akzeptabel erweisen: Als erstes würde das Heimatland des Herstellers versorgt, dann kämen die Vorabkaufverpflichtungen zum Tragen und schließlich Lizenzzusagen an lokale Hersteller in Ländern der unteren und mittleren Einkommensgruppe.

Ohne einen solchen globalen Mechanismus, der durch die kostenfreie oder kostengünstige Lizenzvergabe eine ausreichende Versorgung garantieren würde, müsste zumindest in Bezug auf den Schutz der geistigen Eigentumsrechte eine Einigung erzielt werden. Ein Großteil der FuE-Anstrengungen für die Entwicklung eines Impfstoffs und der Ausbau der Produktionskapazitäten werden in dieser Krise derzeit von Steuerzahlern und wohltätigen Spendern finanziert, durch nationale Finanzierungseinrichtungen, wie die BARDA (Biomedical Advanced Research and Development Authority) und das Verteidigungsministerium in den Vereinigten Staaten, oder internationale Mechanismen, wie die internationale Impfstoff-Initiative CEPI und die „ACT“-Accelerator-Kampagne der WHO.

Daher spricht Vieles dafür, das aus diesen FuE-Anstrengungen resultierende geistige Eigentum auf breiter Basis und zu begrenzten Kosten zur Verfügung zu stellen. Ansonsten könnte die Versuchung für einige Länder, darunter auch traditionelle Freihandelsverfechter, groß sein, Zwangslizenzen zu erteilen. Dies wäre nach den weltweit anerkannten Regeln für geistiges Eigentum legitim, insbesondere nach dem Multilateralen Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums (TRIPS) von 1995. Ihre Gültigkeit im Bereich der öffentlichen Gesundheit wurde von der Weltgesundheitsorganisation 2001 in Doha bestätigt. Zwangslizenzen sind aber ein stumpfes Werkzeug, das nationale Bedürfnisse an die erste Stelle setzt. Ihr Einsatz könnte das Vertrauen der Öffentlichkeit in die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Gesundheitsversorgung und im Hinblick auf andere Herausforderungen nachhaltig schädigen. Solche Schritte würden mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit auch in anderen Bereichen Vergeltungsreaktionen nach dem Motto „Wie Du mir, so ich Dir“ auslösen.

Es gibt Mittel und Wege, eine derartige Abwärtsspirale zu verhindern. Beispielsweise könnten öffentliche Geldgeber als Gegenleistung für die Finanzierung von FuE und Produktionskapazitäten Unternehmen zur Vergabe freiwilliger Lizenzen verpflichten. Unternehmen könnten sich auch dazu verpflichten, ihr geistiges Eigentum auf internationalen Austauschplattformen zu teilen, wie dem Medicines Patent Pool (MPP) oder der COVID-19-Technologieplattform, die die Weltgesundheitsorganisation speziell für diese Krise eingerichtet hat.

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Für diese Optionen sind zwar viele Lippenbekenntnisse abgegeben worden, doch müssen wir uns darum bemühen, dass sie in die Praxis umgesetzt werden. Sprich, die Länder müssen zusammenarbeiten, damit Probleme im Zusammenhang mit dem Schutz geistiger Eigentumsrechte die weltweiten Bemühungen zur Bekämpfung dieser globalen Pandemie nicht bremsen. Und dagegen wäre kein Land immun. 

Wie die Geschichte des Penicillins zeigt, ist eine Entdeckung der allererste Schritt. Internationale Organisationen, wie die OECD, dürfen bei ihren Bemühungen um eine verstärkte Zusammenarbeit nicht locker lassen, wenn die COVID-19-Pandemie ein für alle Mal gestoppt werden soll.

Literaturhinweise

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Mark Pearson

Deputy Director of Employment, Labour and Social Affairs, OECD

Mark Pearson is Deputy Director of Employment, Labour and Social Affairs at the Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). Prior to 2014, he was Head of the Health Division where he helped countries to improve their health systems by providing internationally comparable data, state-of-the-art analysis and appropriate policy recommendations on a wide range of health policies. Major current work of the Division is on the economics of preventing obesity; comparisons of the prices of health care goods and services; assessing long-term care policies; trends in health spending; expanding health coverage; co-ordination of care; pay-for-performance; use of evidence in health care; the migration of the health-care workforce; health care quality indicators; measuring health care outcomes, outputs and inputs; and health and ICTs. Key publications resulting from the work he has managed include OECD Health at a Glance and Achieving Better Value for Money in Health Care, as well as The Economics of Prevention: Fit not Fat. Before moving to Paris, he was employed by the Institute for Fiscal Studies in London, and he has been a consultant for the World Bank, the IMF and the European Commission.

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